MO(VE)MENT - Galerie Cornelius Hertz, Bremen |1991

kinetisch-akustische Installation

7 SAMURAI

Angestrengt und konzentriert stehen hier sieben Protagonisten aus Stahl, Holz und Gummi im Raum, auf die man hinab schauen muß. Im rechten Winkel bewegt sich jeweils eine lichtgrau gestrichene Holzlatte von der Horizontalen in die Vertikale, und, nach einer nicht genau vorhersehbaren Zeit, wieder zurück in die Horizontale. Man kann hier erinnern an einen Gedanken, der für Mondrian auch wesentlich war: die Ausrichtung des Menschen als Senkrechte auf waagerechter Ebene. - Im Gegensatz zu anderen Installationen Bilgers gibt es hier nie zwei gleichzeitige Bewegungen. Irgendwann und irgendwo fällt plötzlich eine Latte hörbar und federleicht in die Lage der Ruhe oder schnellt in die Anspannung der Vertikalen. Bilger nutzt das Moment des Plötzlichen, ebenso wie das Prinzip der Langsamkeit, um auch den Betrachter zu irritieren. Nach Augenblicken der meditativen Ruhe wird der Betrachter überrascht durch eine plötzliche Aktion, deren Handlungsablauf er zwar nach wenigen Minuten kennt, deren Zeit und Ort jedoch nicht vor herbestimmbar sind. Die Erwartung, dass etwas passiert, wird eingelöst, nicht aber die Möglichkeit einer Vorhersehbarkeit. Ein weiteres Moment der Irritation ist beabsichtigt. Der Titel "7 SAMURAI" lässt beim Anblick der Installation zunächst nicht an Krieger denken, die für die Macht der Shogune kämpften. Kämpferisch geben sich die Protagonisten in Christian Bilgers Installation jedoch nicht. Viel mehr erscheinen sie klein und vorwiegend in Positionen der Ruhe. Tatsächlich war die Ausbildung der Samurai bei japanischen Zen-Mönchen, die Meditation lehrten. Ziel war das Stadium des "Nicht-Denken". Schwert und Körper verschmolzen zu einer Einheit, zu einem einzigen Instrument des Unbewussten. Damit war er einem Gegner überlegen, der seine Handlung rational planen muß, um den Plan dann erst in Bewegung umzusetzen. Bilgers Installation thematisiert jene meditative Bewegung des Kampfes. Die Art und Weise ihrer Aufstellung zeigt eine Peripherie von gleichförmiger Einzelelementen, die mit einem Zentrum verbunden sind. Isolation der Einzelnen im Kampf, aber dennoch die Gemeinschaft des Ziels werden hier ebenso gleichnishaft wie ironisch dargestellt. Zudem besitzt die zentrale Schaltstelle innerhalb der Installation auch Macht gegenüber den Abhängigen. Sie bildet das Herz aller, ist Grundlage für die Bewegung des Einzelnen und verantwortlich für seinen Ablauf. Als Turm wacht es sogar aufrecht über die Samurai. Die zentrale Schaltstelle läßt somit an die Macht der Shogune denken, an zentral bewachte, kreisrunde Gefängnisbauten des 19. Jahrhunderts erinnern und auch an die Vision von Orwells 1984. Christian Bilger erweitert die Skulptur aus Masse und Volumen zur Dimension der Bewegung. Deren Langsamkeit erzeugt Spannung, weil es das menschliche Tempo unterläuft. Er thematisiert in seinen Kunstwerken Gegensätzlichkeiten und bringt sie durch ausgewählte harte und weiche Materialien zum Ausdruck, nutzt labile und stabile Elemente. Einfache und dennoch verspielte Formen erzeugen gegensätzliche Aussagewerte. Ulrike Lehmann













20-10-2016 | Disclaimer | Impressum | Christian Bilger, VG Bild-Kunst, Bonn